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Montag, 10. Mai 2010

„Wir sind auf dem Weg unsere Seele zu verlieren“

Rubrik: Jahresmotto 2008 "Brauchtum"

Von: Tamara Eder

Gedankengänge hochrangiger Personen zu den Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Entwicklungen und Traditionen

Bildhauer Andreas Kuhnlein

Alois Glück, ZdK-Präsident

Ernst Schusser, Volksmusikarchiv Bruckmühl

Dr. Ernst Grotzky, Hörfunkdirektor BR

Nachdenken stand bei der zweiten großen Veranstaltung des Chiemgau Alpenverbands für Tracht und Sitte im Rahmen des zweijährigen Themenabschlusses „Tradition und Brauchtum“ im Heftersaal im Vordergrund. Nachdenken konnte man über die sehr unterschiedlichen Beiträge von hochrangigen Persönlichkeiten, die mit ihrer Meinung zu den Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Entwicklungen und Traditionen nicht hinter dem Berg hielten. Besonders deutliche Worte fand Ernst Schusser, Leiter des Volksmusikarchives Bezirk Oberbayern. Aber auch Alois Glück, ehemaliger Landtagspräsident und nun Vorsitzender des Zentralrates der Katholiken warb für gegenseitiges Verständnis verschiedener Kulturen. Der Erhalt der bairischen Sprache waren zudem Dr. Johannes Grotzky, Hörfunkdirektor des BR wie auch dem Bildhauer Andreas Kuhnlein wichtig.

Der Chiemgau Alpenverband mit seinen 23 Vereinen und über 8000 Mitgliedern habe sich der Heimatpflege gewidmet, so erklärte eingangs Gauvorsitzender Ludwig Entfellner. Modernität und Heimatbewusstsein, so Entfellner, seien kein Gegensatz. Der Gauverband habe das Ziel beschrieben, aber nicht den Weg, diesen müsse jede Generation für sich erarbeiten. „Nicht jeder, der einen grünen Hut hat, hat auch eine heimatpflegerische Ader“!, so der Gauvorsitzende und Tradition habe nur dann einen Wert, wenn sie den Menschen bereichert. „Haben Tradition und Brauchtum Einfluss auf die Gesellschaft oder sind sie nur Beiwerk, ein Klischee“? Diese Frage stellte Entfellner in den Raum.

Vor zwanzig Jahren habe er gedacht, man steuere auf eine internationale Einheitskultur hin, betonte Alois Glück. Doch dann kam eine Gegenbewegung, denn die Menschen spürten, dass sie eine eigene Identität brauchen. Glück sprach von Patriotismus im Sinne von einer Liebe zur eigene Kultur, einer Wertschätzung aber auch Respekt vor anderen Kulturen. Kultur habe eine große Bedeutung für den inneren Zusammenhalt. Die letzten zehn Jahre, so Glück, hätten gezeigt, dass für eine gute Zukunft eine konservative Einstellung wichtig werde: Konservativ, nicht im Sinne von Konserve, sondern Wertkonservativ, Grundwerte, im Sinne von Qualität des Zusammenlebens, der Bedeutung der Familie. „Eine erfolgreiche, freie Gesellschaft wird eine traditionsgebundene Gesellschaft sein“, konstatierte Glück. Wichtig erachtet er es, bei aller Pflege der eigenen Kultur, auch die Prägung und Werte anderer Kulturen zu schätzen und eine stärkere Verständigung zu suchen.

Die Bedeutung der Rundfunk- und Fernsehprogramme beleuchtete Dr. Johannes Grotzky. Er informierte, dass der bayrische Rundfunk täglich sechs Millionen Zuhörer habe und die Fernsehprogramme an der Spitze der sogenannten Dritten liegen. Der BR wolle die Vielfalt in Bayern zeigen und pflegen und die regionalen Traditionen gleichberechtigt akzeptieren. Traditionen bleiben in ihrer Grundform erhalten, seien aber auch einem Wandel unterworfen. Als Beispiel nannte Grotzky den Gottesdienst, der geblieben sei, sich in der Umsetzung aber radikal geändert habe. Hören komme vor dem Sehen, und so sei es wichtig, was aus dem Radio komme. Regionalität sei eine Hauptsäule aller Programme und diese Regionalisierung habe zu dem großen Erfolg beigetragen. Erstaunlich sei für ihn, dass an den Schulen so wenig Mundart gesprochen werde. Er könne sich vorstellen, dass im Rahmen des Deutschunterrichts auch der Mundart Rechnung getragen werde. Grotzky will aber „keine nostalgische Verklärung, sondern auf Aufklärung“. Er dankte allen, die Heimat leben und durch ihr Bekenntnis zur Heimat vielen Menschen eine neue Heimat geben. Hierin, so Grotzky, stecke eine ungeheure Integrationskraft.

Der Spruch „zuerst stirbt die Sprache, dann die Kultur“, habe sich, so betonte Andreas Kuhnlein bewahrheitet. Dies sei ihm auf den vielen Reisen bewusst geworden, denn in zahlreichen Ländern gebe es keine Dialekte mehr. Die Sprache in einem Europa der Regionen zu erhalten, erachte er als unheimlich wichtig, da die Sprache etwas mit Identität zu tun habe. Die bayerische Kulturlandschaft werde weltweit geschätzt und geliebt, so Kuhnlein und es tue weh, wenn die Leute ihren wohlangestandenen Dialekt aufgeben. Wenn der Dialekt verschwindet, sei dies ein Offenbarungseid einer Kulturgesellschaft. „Wir haben einen griffigen Dialekt, der Zustände und Empfindungen zum Ausdruck bringt. Er verstehe nicht, wie man so etwas aufgeben kann. „Wenn man uns nicht versteht, können wir auch Schriftdeutsch sprechen.

Traditionelle Volksmusik werde von Generation zu Generation erneuert und sei nichts Verstaubtes, erklärte Ernst Schusser. Nach Ansicht von Schusser gehe aber die Nähe verloren, wo sei die Dorfwirtschaft, der Lebensmittelladen, der Ortspfarrer, die Bahnhöfe und Postämter, Schulen werden zusammengelegt. Das Recht des Stärkeren nehme immer mehr Platz ein. Früher gab es die Gesellschaftskritik in Lied und Wort. Schusser erinnerte an das Rügebrauchtum, dass Haberfeldtreiben mit welchem auf Fehlentwicklungen hingewiesen wurde. Auch in der Gegenwart gab es dieses Haberfeldtreiben in Form der Fastenpredigt. Schusser bedauerte, dass die Volksmusik zum Geschäft werde und verurteilte die GEMA-Gebühren, nicht nur auf Liedgut, sondern auch auf Noten, als gesetzlich ermöglichte Abzocke. „Volkskultur braucht Freiheit und ein Grundrecht auf freies Singen und Musizieren, sonst verlieren wir die Seele in unserer Volkskultur“, forderte der Volksmusikarchivar. Neue Volksmusik sei primär positive zu werten, doch neu entstandene Produkte seien nicht zwangsläufig Volksmusik. Zudem sei die neue Volksmusik mit einem Besitzrecht verbunden und GEMA pflichtig. „Wir sind auf dem Weg unsere Seele zu verlieren“, versuchte der Volksmusikexperte wach zu rütteln.

Wie Volksmusik frisch und lebendig, dazu auch modern sein kann, das sah nicht nur Ernst Schusser, der aber explizit darauf hinwies, auf der Bühne. Hier sangen sich die Huber Dirndln aus Wildenwart mit jugendlichen Texten in die Herzen der Besucher und führten auf, was „ma auf am Bauerndorf braucht und das das Handy der Liab nur stört“. Stimmungsvoll und schwungvoll unterhielten zudem die Hohenaschauer Musikanten. tb

 


 


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