7. Dezem­ber – 2. Advent

von Dominik Wierl am 7. Dezember 2025

Wor­über das Christ­kind lächeln muss­te
von Karl Hein­rich Waggerl


Als Josef mit Maria von Naza­reth her unter­wegs war, um in Beth­le­hem anzu­ge­ben, dass er von David abstam­me – was die Obrig­keit so gut wie unser­eins hät­te wis­sen kön­nen, weil es ja längst geschrie­ben stand –, um jene Zeit also kam der Engel Gabri­el heim­lich noch ein­mal vom Him­mel her­ab, um im Stal­le nach dem Rech­ten zu sehen.

Es war ja sogar für einen Erz­engel in sei­ner Erleuch­tung schwer zu begrei­fen, war­um es nun der aller­er­bärm­lichs­te Stall sein muss­te, in dem der Herr zur Welt kom­men soll­te, und sei­ne Wie­ge nichts wei­ter als eine Fut­ter­krip­pe. Aber Gabri­el woll­te wenigs­tens noch den Win­den gebie­ten, dass sie nicht so grob durch die Rit­zen pfif­fen, und die Wol­ken am Him­mel soll­ten nicht gleich wie­der in Rüh­rung zer­flie­ßen und das Kind mit ihren Trä­nen über­schüt­ten. Und was das Licht in der Later­ne betraf, so muss­te man ihm noch ein­mal ein­schär­fen, nur beschei­den zu leuch­ten und nicht etwa zu blen­den und zu glän­zen wie der Weihnachtsstern.

Als nun das Wun­der gesche­hen war und das Kind leib­haf­tig auf dem Stroh lag, so vol­ler Lieb­reiz und so rüh­rend arm, da hiel­ten es die Engel unterm Dach nicht mehr aus vor Ent­zü­cken; sie umschwirr­ten die Krip­pe wie ein Flug Tau­ben. Etli­che fächel­ten dem Kna­ben bal­sa­mier­te Düf­te zu, und die ande­ren zupf­ten und zogen das Stroh zurecht, damit ihn ja kein Hälm­chen drü­cken oder zwi­cken möch­te. Bei die­sem Gera­schel erwach­te aber der Floh in der Streu.

Der Erz­engel stö­ber­te auch alles klei­ne Getier aus dem Stall – die Amei­sen und Spin­nen und Mäu­se –, es war nicht aus­zu­den­ken, was gesche­hen konn­te, wenn sich die Mut­ter Maria viel­leicht vor­zei­tig über eine Maus ent­setz­te! Nur Esel und Ochs durf­ten blei­ben. Der Esel, weil man ihn spä­ter ohne­hin für die Flucht nach Ägyp­ten brauch­te, und der Ochs, weil er so rie­sen­groß und so faul war, dass ihn alle Heer­scha­ren des Him­mels nicht hät­ten von der Stel­le brin­gen können.

Zuletzt ver­teil­te Gabri­el noch eine Schar Engel­chen im Stall her­um auf den Dach­spar­ren; es waren sol­che von der klei­nen Art, die fast nur aus Kopf und Flü­geln bestehen. Sie soll­ten ja auch bloß still sit­zen und Acht haben und sogleich Bescheid geben, wenn dem Kin­de in sei­ner nack­ten Armut etwas Böses droh­te. Noch ein Blick in die Run­de, dann hob der Mäch­ti­ge sei­ne Schwin­gen und rausch­te davon.

Gut so. Aber nicht ganz gut, denn es saß noch ein Floh auf dem Boden der Krip­pe in der Streu und schlief. Die­ses win­zi­ge Scheu­sal war dem Engel Gabri­el ent­gan­gen – ver­steht sich, wann hat­te auch ein Erz­engel je mit Flö­hen zu tun!

Es wur­de ihm gleich him­me­langst, weil er dach­te, es sei jemand hin­ter ihm her, wie gewöhn­lich. Er fuhr in der Krip­pe her­um und ver­such­te alle sei­ne Küns­te und schließ­lich, in der äußers­ten Not, schlüpf­te er dem gött­li­chen Kin­de ins Ohr.

„Ver­gib mir!“, flüs­ter­te der Floh atem­los, „aber ich kann nicht anders, sie brin­gen mich um, wenn sie mich erwi­schen. Ich ver­schwin­de gleich wie­der, gött­li­che Gna­den, lass mich nur sehen, wie!“ Er äug­te also umher und hat­te auch gleich einen Plan. „Höre zu“, sag­te er, „wenn ich alle Kraft zusam­men­neh­me und wenn du still hältst, dann könn­te ich viel­leicht die Glat­ze des hei­li­gen Josef errei­chen, und von dort weg krie­ge ich das Fens­ter­kreuz und die Tür …“

„Spring nur“, sag­te das Jesus­kind unhör­bar, „ich hal­te still!“ Und da sprang der Floh. Aber es ließ sich nicht ver­mei­den, dass er das Kind ein wenig kit­zel­te, als er sich zurecht­rück­te und die Bei­ne unter den Bauch zog.

In die­sem Augen­blick rüt­tel­te die Mut­ter Got­tes ihren Gemahl aus dem Schlaf. „Ach, sieh doch!“, sag­te Maria selig, „er lächelt schon!“

Claus Rei­ter
Gau­bei­sit­zer