Das Gewand

Das Gewand – eine kaum bekann­te Bot­schaft

Es gibt Wor­te, die erst nach län­ge­rem Nach­den­ken eine erstaun­li­che Per­spek­ti­ve in die Kul­tur und Reli­gi­ons­ge­schich­te der Völ­ker öff­nen. Das Wort „Gewand“ bzw. „Kleid“ hat­te bereits am Mor­gen der Mensch­heit eine kaum bekann­te Bedeu­tung. Es wölbt sich wie ein gewal­ti­ger Bogen über die gesam­te Mensch­heits­ge­schich­te bis hin­ein in die himm­li­sche Herr­lich­keit.
Gewiss öff­net das The­ma „Gewand“ ein brei­tes und durch­aus inter­es­san­tes Spek­trum bis hin zur Tracht, zur Berufs­klei­dung, zum Ordens­ge­wand. Hier soll nur die biblisch-reli­giö­se Spur des Gewan­des auf­ge­zeigt wer­den.

Am Mor­gen der Mensch­heits­ge­schich­te 
Im Kleid wird eine Erin­ne­rung fest­ge­hal­ten, die in den ers­ten Kapi­teln des Alten Tes­ta­ments in einer äußerst ver­dich­te­ten und ruhig dahin flie­ßen­den Spra­che wie­der­ge­ge­ben wird: Die Fol­gen der Ursün­de. 
In einer gran­dio­sen Bil­der­spra­che wird von den Fol­gen der Ursün­de gere­det, die weit mehr ist, als das Essen des para­die­si­schen Apfels. Die Men­schen erkann­ten, dass sie nackt waren. 
„Gott, der Herr, mach­te Adam und sei­ner Frau Röcke aus Fel­len und beklei­de­te sie“ (Gen 3,21). Der sün­di­ge Mensch ist mehr umhüllt und „ein­ge­klei­det“ von der Güte und Herr­lich­keit Got­tes. Ohne das Gewand der Gna­de steht er nackt da und kann zum Ärger­nis wer­den. Wenn nach dem bibli­schen Bericht Gott gleich­sam als ers­ter Schnei­der­meis­ter der Welt­ge­schich­te beschrie­ben wird, so will „das Beklei­den“ der sün­di­gen Men­schen ein ers­tes Zei­chen der unge­bro­che­nen Lie­be und Barm­her­zig­keit Got­tes sein. Die „Röcke aus Fel­len“ (Gen 3,21) sind zei­chen­haft zu deu­ten als Ange­bot der Hil­fe wie der Zukunfts­hoff­nung.

Das hoch­zeit­li­che Gewand
In sei­nen Reden und Gleich­nis­sen spricht Jesus wie­der­holt vom „hoch­zeit­li­chen Gewand“ (Mt 22,11), meist im Zusam­men­hang mit dem Hoch­zeits­mahl. Im Volk Isra­el ist damals und heu­te die Fei­er der Hoch­zeit ein fest­li­ches Ereig­nis, auf das der gesam­te Clan sich vor­be­rei­tet. Schi­cke Klei­dung und aus­ge­fal­le­ne Geschen­ke hat man gekauft. In der Lit­ur­gie der Kir­che hat das Kleid von der Wie­ge bis zur Bah­re eine tie­fe, sich ent­fal­ten­de Sym­bo­lik.

Tauf­kleid: „…das wei­ße Kleid soll Zei­chen dafür sein, dass du in der Tau­fe neu­ge­bo­ren wor­den bist und – wie es die Schrift sagt – Chris­tus ange­zo­gen hast“.
Hoch­zeits­kleid: ein Zei­chen der fest­li­chen Freu­de, ein Zei­chen des Dan­kes für den rech­ten Part­ner wie ein Unter­pfand der Treue „bis der  Tod uns schei­det“.
Toten­kleid: Der Volks­mund sagt: Das Toten­hemd hat kei­ne Taschen. Nie­mand kann die Reich­tü­mer die­ser Welt in die Ewig­keit mit­neh­men. Im Sekun­den­ge­richt steht die Fra­ge: Wie habe ich auf die Freund­schaft Jesu geant­wor­tet?

Der unge­teil­te Rock
Die Stoff­re­li­quie von Trier (der Rock Chris­ti), das Grab­tuch von Turin oder auch das Schweiß­tuch der Hei­li­gen Vero­ni­ka erfreu­en sich durch alle Zei­ten hin­durch gro­ßer Ver­eh­rung. Trotz­dem muss auch der Gläu­bi­ge auf­pas­sen, dass er nicht im Stoff­li­chen, Mate­ri­ell-Vor­der­grün­di­gen hän­gen bleibt. Das Wesent­li­che ist für die Augen unsicht­bar, schrieb Antoi­ne de Saint-Exu­pery so tref­fend in sei­nem Werk „Der klei­ne  Prinz“. 
Nur dem gläu­bi­gen Her­zen, das hin­ter das fass­bar Stoff­li­che hin­durch­blickt, öff­net sich das Mys­te­ri­um. So kön­nen uns die­se Tuch­re­li­qui­en eine Glau­bens­hil­fe (nicht Beweis!) sein, die den lei­den­den und gekreu­zig­ten Jesus für unse­re Augen „durch­sich­tig“ wer­den las­sen. Wer die­sen „Durch­blick“ auf das Heils­zei­chen des Kreu­zes, letzt­lich auf das Du des ernied­rig­ten Gott­men­schen in sei­ner Selbst­hin­ga­be (Keno­sis) nicht hat, befin­det sich in der Dies­seits­fal­le.
Seit dem 3. Jahr­huN­dert ist der unge­näh­te und unge­teil­te Rock Chris­ti (Joh 19,23) Sym­bol der Ein­heit der Kir­che. Er kann auch gera­de heu­te Impuls­zei­chen ech­ter öku­me­ni­scher Unru­he und Sor­ge sein.

Das wei­ße Gewand
Das Tauf­kleid, das Erst­kom­mu­ni­on­kleid, das Minis­tran­ten­ge­wand, das Hoch­zeits­ge­wand, die Albe (Unter­ge­wand des Pries­ters oder Dia­kons) ver­wei­sen auf die Nähe zu Chris­tus. In der Tau­fe zie­hen wir zei­chen­haft das Tauf­kleid an, das „Gewand der Lie­be“. Das Wich­tigs­te dabei ist, dass die unver­brüch­li­che Treue Got­tes sym­bo­lisch zum Aus­druck kommt. Gott ist treu und was immer auch kom­men mag im Leben, Gott lässt uns nicht fal­len, zieht sei­ne Hand, sei­ne Zusa­ge, sei­ne Lie­be nie zurück. Das wei­ße Kleid, das uns an Rein­heit, Unbe­fleckt­heit und Schön­heit erin­nert, wird uns gna­den­haft von Gott geschenkt. Nie nimmt er uns die­ses wie­der weg. Unzer­stör­bar, unzer­brech­lich ist sei­ne Treue und Güte. Dar­um lässt Jesus den barm­her­zi­gen Vater, als die­ser sei­nem ver­lo­re­nen Sohn wie­der begeg­net Sagen: Gebt ihm ein neu­es Gewand, den Ring, Schuhe…und schlach­tet das Mast­kalb (Lk.15). Mit Gewand und Ring wird bis auf dem heu­ti­gen Tag die Zuge­hö­rig­keit sicht­bar aus­ge­drückt.

Unse­re Tracht
Gera­de durch unse­re Tracht drückt sich Zuge­hö­rig­keit aus. Mit der Tracht drü­cke ich aus, woher ich kom­me, wo mein „Heim­gar­ten“ das heißt mei­ne Hei­mat ist, wo mei­ne Wur­zeln sind, was mich auch heu­te prägt und trägt. Die Tracht hat wie die Spra­che sehr, sehr viel mit Gebor­gen­heit und Behei­ma­tung, also mit Nähe zu mei­nem Ursprung zu tun. Und die­se Ver­bin­dungs­li­nie zu Ursprung und Schöp­fung zeigt sich in unse­rer Tracht an den schö­nen, der Erde ver­bun­de­nen, gedämpf­ten Far­ben. Unse­re Tracht ist eine Tracht, die immer die Mate­ria­li­en und Far­ben der Natur auf­ge­nom­men hat. Das Rot, das Grün, das Braun, das Blau in der Tracht ist nie grell oder kra­chend. Die Far­ben unse­rer Gewän­der glei­chen viel­mehr unse­ren hei­mi­schen Fel­dern, Äckern, Wäl­dern, Seen, Ber­gen und Wie­sen.
Und so wie das Licht eines ein­zi­gen Tages vom Mor­gen bis zum Abend unter­schied­lich ist, wie das Früh­jahrs­licht so anders als das Herbst­licht ist, so ist es auch bei der Tracht in den Dör­fern unse­rer Chiem­gau­er Hei­mat. Jedes mal eine Nuan­ce anders, fei­ner, unter­schie­de­ner Frau­en und Män­nern, bei­den ist gemein­sam das wei­ße Hemd bzw. Blu­se – die wei­ße „Pfoad“. Sie erin­nert einen jeden von uns, dass wir Getauf­te, Gelieb­te und Erlös­te sind. Sie drückt Vor­nehm­heit und Sau­ber­keit aus. Sie lässt das Gesicht erstrah­len und erin­nert uns immer wie­der dar­an: Ver­gesst nie, dass ihr Königs­kin­der seid!